Der Proceß

Dichtes Schauspiel ohne Erlösung
«Der Prozess» von Franz Kafka kommt in der Konstanzer Spiegelhalle als dichtes Schauspiel auf die Bühne. Eine Geschichte ohne Erlösungspotenzial, deren Vermittlung aber überraschend Anlass zur Euphorie bietet.

konstanz – Da ist dieser Josef K. wieder, verdammt wie der Fliegende Holländer, ohne doch je Gott oder die Welt gelästert zu haben: «Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.» Ein berühmter (erster) Satz, der in der Literaturgeschichte nicht folgenlos blieb, obwohl er nach dem (letzten) Willen seines Autors nie hätte gedruckt werden sollen. Franz Kafka, der 1924 vierzigjährig an Tuberkulose starb und damit Josef K. um zehn Jahre übertraf, hatte das aus dem Jahr 1915 stammende Romanfragment «Der Proceß», so geschrieben im Original, nach seinem Tod zur Vernichtung bestimmt – wor-an sich sein Freund Max Brod nicht hielt. Der Text selbst ist damit auch so etwas wie ein zum Tode Bestimmter, der keine Ruhe finden konnte – lediglich aus dem Kapitel «Im Dom» hatte Kafka die berühmte Parabel vom Türhüter («Vor dem Gesetz») wie ein für das 20. Jahrhundert bestimmtes Glaubensbekenntnis herausgeschält.

Zwischen dem Auftreten einer fremden Macht, die sich als «Gesetz» Josef K. aufdrängt, und jener Türhüter-Parabel entwickelt sich in der Konstanzer Spiegelhalle in der Regie von Johannes Schmid «Der Proceß» als dichtes Schauspiel, das wie eine Liturgie die strenge Form mit emotionalen Wirrnissen zu verbinden weiss, ohne jedoch Erlösung zu prophezeien; eine Messe, die Gültigkeit für sich in Anspruch nimmt, gerade und vor allem dann, wenn nach der «Türsteher-Parabel» eine lang anhaltende Stille wie ein Abgrund klafft.

Reduziertes Bühnenbild
Alexander Peutz, gross und schlank von Natur, wirkt im grauen Anzug mit Weste, schwarzer Krawatte und steifem Kragen mit seinen verhaltenen Bewegungen auf einmal wie ein altersloser Mann ohne Leben, eingezwängt in Stereotype – ein Josef K., wie man ihn sich künftig denken wird. Auf kleinstem Raum wird in der Spiegelhalle Seelenleben ent- und wieder verworfen. Michael S. Kraus hat ein reduziertes Bühnenbild entworfen, das dem All-In-One-Phänomen gehorcht und verblüffend ästhetisch ausfällt: die Struktur von Lattenrosten gibt das Grundmuster einer rund konzipierten und auf Rollen laufenden Bank ab, in deren Mitte sich eine schräge Ebene erhebt, die klappbar ist, auch als Dach oder Gefängnisgitter funktioniert. Licht trennt feinsinnig oder taucht Kafkas Welt in Traumbilder ein, entrückt und verbindet. Wie das Licht wirkt auch das Konglomerat aus Musik und Geräuschen, das Christian Heiß komponiert hat und das DJ Martin Tenschert live zur Vollendung treibt.Eine Sinfonie, in die die vier Schauspieler mit herausragender Spielkunst eingreifen. Jana Alexia Rödiger, Odo Jergitsch und Johannes Merz übernehmen in wechselnden Rollen diejenigen Figuren, die Josef K. als Aspekte einer undurchschaubaren Schuld und der sich daraus abgeleiteten Gerichtsbarkeit erlebt. Graue Anzüge auch hier – hinter der jederzeit exakten Körperarbeit steht auch die Choreografin Anna Holter.
Schliesslich Kafkas Text als Urgrund dieses Theaterabends: wer sich bisher von der quälenden Atemlosigkeit dieser Sprache hat abschrecken lassen, hier wird fündig, um nicht zu sagen: gläubig. Alexander Peutz, auf den dieser Josef K. gebündelt bleibt, spricht Sätze, die strahlend wie Silber sind, auch wenn es um den Zusammenbruch von Ordnung durch ein Übermass an Ordnung geht. Die Türhüter-Parabel nimmt ein Ende, das fatalistisch gedeutet werden kann, aber auch zum entschiedenen Widerstand aufrufen könnte. «Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn», wird dem Einlass-Begehrenden nach lebenslangem Warten beschieden. Wenn sich die Türen nach der Aufführung schliessen, kann man sicher sein, dass sie wieder geöffnet werden. Ein Glück, das Kafka sich nicht erträumt hätte.
lBrigitte Elsner-Heller

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