Theater: Gisela hebt ab

Das Puppenspielerstück „Frau Meier, die Amsel“ begeistert die SÜDKURIER-Mitarbeiterin Maria Schorpp bei der Premiere. Figuren, Bühnenbild und schauspielerische Leistung passen gut zusammen.
Frau Meiers Gesicht ist gezeichnet. Ihre wie vor Schreck weit aufgerissenen Augen, ihr kleiner zusammengepresster Strichmund lassen darauf schließen, dass sie das Leben nicht gerade genießt. Wie auch, wenn man Frau Meiers Fantasie hat und sie ganz und gar dafür einsetzt, sich alle möglichen Unglücksfälle auszumalen. Bei der Vorstellung, ihren eigenen Mann Anton aus Versehen mit dem Staubsauger einzusaugen, haut es sie um. Frau Meier ist ein fast schon pathologischer Fall von Lebensangst.
Dann hat Gisela Meier aber auch diesen mütterlichen Busen, an den sie alles drückt, was sie lieb hat. Vor allem Herrn Meier, aber auch das Ämselchen, das aus dem Nest gefallen ist und jetzt ihren Schutz benötigt. Auf der neuen Konstanzer Figuren- und Puppenbühne ist der kleine Vogel zunächst ein kaum aufgeblasener Luftballon. Wie ihn Gisela aber in ihren Ausschnitt steckt, kann man sich schon vorstellen, wie warm und weich sich das anfühlt.
Dieses scheinbar Improvisierte macht es unter anderem aus, dass „Frau Meier, die Amsel“ in der Werkstatt des Stadttheaters sich so zielsicher ins Herz des Publikums stielt. Ein Stück für die ab Vierjährigen und die bereits vom Leben Gezeichneten. Die schauspielernde Puppenspielerin Rahel Wohlgensinger leiht Frau Meier ihre Arme und Stimme, ein Doppelwesen, wie es zwar nicht im Kinderbuch von Wolf Erlbruch steht, Gisela dafür aber doppelt so viel Leben einhaucht.
Natürlich auch Anton mit dem dicken Bauch und den kurzen Beinen, die er so gerne schwenkt, wenn er den Gisela-Song singt. Rahel Wohlgensinger hat sich Simon Engeli als den „Herrn Kapellmeister“ mitgebracht, der nicht nur auf der Gitarre begleitet, sondern auch musikalisch dafür sorgt, dass eine Fliege vorbeisurrt, wenn der Vogel Hunger hat. Und auch mal für die schüchterne Frau Meier einspringt.
Es sind immer wieder diese bis ins Detail liebevoll ausgearbeiteten Ideen, mit denen die Inszenierung von Britta Geister und Markus Joss überwältigt. Das Bühnenbild besteht im Wesentlichen aus einem Bügelbrett, das mit dem Wechsel seiner Bezüge sowohl Platz findet für Herrn Meiers Schnarcherei als auch für den Baum, auf dem Frau Meier ihrem Vögelchen das Fliegen beibringen will. Und dabei selbst abhebt, über Stadt und Land schwebt und nur zurückkommt, weil ihr Anton ja auch noch da ist. Hagen Tilp hat die beeindruckenden Figuren gebaut, Rahel Wohlgensinger macht sie zu zwei herzensstarken Persönlichkeiten. Wenn man übrigens genug applaudiert, bekommt man den Gisela-Song als Zugabe. (msp)

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