Manchen schenkt das Leben eine zweite Pubertät. Bei Menschen, die wirklich leben, hört sie nie auf. Mozart war lebenslänglich ein Kind. Maude ist auch so ein Typus. Bald 80 und kein bisschen weise. Eine unwürdige Greisin, daher besonders liebenswert. Maude wäre gerne eine Sonnenblume. Das passt zu ihr, Maude, sie ist die erste wirkliche Grüne. Maude sieht in allem einen Kreislauf, nicht nur dessen Ende wie Freund Harold.
Harold? Liebt Maude. Auch wenn zwischen den beiden ein Altersunterschied von 60 Jahren besteht. Liebe kennt kein Alter… Harold findet Maude schön. Er sagt es ihr. Schlimmer noch: Er sagt ihr, dass er sie heiraten will. Wir ahnen: Harold tickt nicht richtig. Einmal stellt er fest, dass er noch gar nicht gelebt hat. Das stimmt. Er ist noch nicht angekommen. 17-mal inszeniert er seinen Selbstmord. Komische Scherze sind das. Am liebsten hält er sich bei Beerdigungen und auf dem Friedhof auf. Freunde hat er keine.
Dass Harold melancholisch ist, das zu sagen ist eine Untertreibung. Natürlich liefert ihn seine allein erziehende Upperclass-Mama einem Psychoanalytiker aus. Der kann ihm nicht helfen. Aber Maude kann helfen. Sie appelliert an Harolds verborgene Sinne, sie bringt ihm bei, zu schmecken, zu tasten und zu riechen… Sie lehrt ihn jodeln, klettert mit ihm auf und klaut Bäume, befreit eine Robbe aus dem Tümpel eines Zoos… Selbst teuren Champagner („ist organisch“) schenkt Maude an das Babyface aus, obwohl sie eigentlich blank ist. Aber das gehört zu ihrer Philosophie: Man muss „das Leben einfach ganz ausschöpfen“, sagt sie.
„Harold und Maude“, das Liebespaar gegen jedes Klischee, ist eine schöne Erfindung von Colin Higgins. Geschrieben wurde die skurrile Geschichte als Komödie, berühmt wurde das Stück durch den gleichnamigen Film von 1971. Nun bringt Anja Panse, Regisseurin am Stadttheater Konstanz, „Harold und Maude“ auf die große Bühne des Hauses. Das kommt einer Mutprobe gleich. Denn wer den Kultfilm kennt, wird – nolens volens – der Bühnenversion zunächst skeptisch begegnen.
Anja Panse hat die Vorlage an der einen oder anderen Stelle sprachlich entstaubt, ein paar Striche mehr hätten eine konzentriertere Fassung ergeben. Man benutzt mobile Telefone in ihrer Inszenierung, für die Toto ein neutrales Bühnenbild geschaffen hat, das nahtlos mal Salon, Kirche, Villa und Friedhof ist. Mrs. Chasen, in ihrem oberflächlichen Gefühlskokon und in ihrer Gleichgültigkeit hinreißend von Heinke Hartmann dargestellt, startet die Suche nach einer heiratswilligen Partnerin für Sohn Harold via Internet. Errungenschaften, die die 1960er Jahre, als Higgins das Drehbuch schrieb, noch nicht kannten. Errungenschaft oder nicht: Anja Panse verzichtet auf den Soundtrack zum Film mit den Evergreens von Cat Stevens und ersetzt sie durch Songs von Pete Doherty. Ob damit auch heutiges Lebensgefühl wirklich signifikant rübergebracht wird?
Und die Schauspieler? Wie so oft in Konstanz – die Gewinner des Abends. Neben Heike Hartmann als verzickte Mutter ist das Monika Lennartz, die kesse Maude. Es ist eine Lust, ihr zuzuschauen. Diese Zauberfrau mit ihren leuchtenden Augen macht ihr Alter vergessen. Nahezu unsichtbar und mit großer Routine führt sie den jungen Johannes Merz durch die Inszenierung. Er gibt den Harold, schlaksig, leicht spröde und bewusst unbeholfen. Jessica Rust überzeugt temperamentvoll und endlos komisch als Sylvie, Nancy und Sunshine in Personalunion, das sind jene Damen, die Mrs. Chasen für ihren Sohn ausgeguckt hatte – vergebliche Liebesmühe. Gut dabei sind an diesem Abend auch Thomas Ecke als Dr. Mathews, die Karikatur eines Psychiaters, Otto Edelmann als moralinsaurer Pater Finnegan und Michael J. Müller, der den beflissenen, aber nervigen Inspektor spielt.
Für stehende Ovationen hat es nicht gereicht, aber das Publikum honorierte diesen Auftritt mit lang anhaltendem Applaus.
Siegmund Kopitzki