Der Krieg. Was ist er nicht alles: Diplomatie mit anderen Mitteln, eine Form der Staatskunst, der Vater aller Dinge… oder einfach nur menschliches Versagen. Fast immer ist Krieg Sache der Männer. Er wird mit ihren Mitteln geführt, er findet in ihrer Sprache statt und gehorcht von Männern erstellten Regeln, Gesetzen oder Befindlichkeiten.
Doch während Männer nur knapp die Hälfte der Menschheit ausmachen, ist die komplette Menschheit von seinen Auswirkungen betroffen. Der anderen Hälfte, den Frauen, fällt in aller Regel die passive Opferrolle zu. Sie werden geschunden, vergewaltigt, trauern um ihre Kinder, um ihre Männer, um zerstörte Häuser und Seelen. Sie sind die Verlierer, unabhängig vom Ausgang der Kriege.
Schon in der Antike hat der Dramatiker Aristophanes in seinem Stück „Lysistrata“ die Frauen zum Widerstand ermutigt und sie zum Liebesentzug aufgerufen, und sich so lange den Männern zu verweigern, bis Frieden herrsche. Eine idealistische Idee, die bis heute auf ihren Erfolg wartet. Stattdessen bleibt der Literatur nur die traurige Rolle, die Folgen der Kriege zu beschreiben, zu beklagen, wie etwa Homers Ilias oder die dreiteilige Orestie des Aischylos über den trojanischen Krieg, die Mutter aller Kriege.
Um den Krieg als Vater allen Leides geht es dem holländischen Dramatiker Tom Lanoye in seinem Stück „Atropa“. Er bringt sie alle zusammen auf die Bühne, die klassischen Frauengestalten Klytämnestra, Iphigenie, Helena, Hekabe, Kassandra und Andromache. Sie sind Mutter, Tochter, Gattin, Geliebte, Rivalin, Sklavin oder Feindin. Und Leidensgenossinnen. Jede von ihnen erzählt ihre persönliche Geschichte. Und immer hat ihr Leid eine Ursache: Den Krieg, personifiziert durch Heerführer Agamemnon, des Teufels General.
„Atropa“. Der Titel lässt schillernde Mehrdeutigkeit zu. „Atropa Belladonna“ ist die Tollkirsche. Eine Pflanze, die tödlich giftig sein kann, in vorsichtiger Dosierung in die Augen geträufelt, Frauen zu verführerischem Blick verhelfen soll. Vielleicht lässt sich gar eine Verbindung herstellen zwischen den Atriden, dem Geschlecht des Agamemnon und Europa.
Regisseurin Konstanze Lauterbach lässt in ihrer Inszenierung in der Konstanzer Spiegelhalle die Leidensgeschichten der Frauen auf die hilflosen Beschwichtigungsversuche Agamemnons prallen. Beide Seiten gehen in ihrer Argumentation bis zum äußersten, bedienen sich großer körpersprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten. Das reicht vom leisen Schluchzen, über hysterisches Lachen, bis hin zum existentiellen, langgedehnten Verzweiflungsschrei, hinter dem dann doch die trotzige Erkenntnis wächst „Es ist gut, eine Frau zu sein und kein Sieger“. Gleichwohl die Politik inzwischen auch siegreiche Frauen kennt, oder solche, die sich dafür halten.
Aber auch Agamemnon definiert seine Rolle über die Sprache. Hier spricht die Macht, oder dessen Statthalter, aber auch der Vater, der Gatte, der Geliebte. Odo Jergisch spielt dieses alles kraftvoll aus und mimt dennoch gleichzeitig auch den jämmerlichen Versager, der sein Kind opfert und die Frau betrügt, er deklamiert Kriegsrhetorik, die bedrückend aktuell und bekannt erscheint. Kein Wunder, denn Lanoye hat seinem Text, der sich in weiten Teilen auf Aischylos und Euripides stützt und deren hohe Sprache adaptiert, auch Redepassagen von George Bush und Donald Rumsfeld untergemischt. Und so hören wir den antiken Feldherrn sagen, dass auch er den Krieg nicht wolle, aber in ihn hineingezwungen werde, um für Frieden zu sorgen. „Die Rache des Friedens“ hat Autor Lanoye sein Stück untertitelt.
Bühnenbildner Hans-Martin Scholder hat in der Konstanzer Spiegelhalle einen wirkungsvollen Austragungsort für das Antikriegstribunal geschaffen. Zunächst sehen wir die Gestade des Mittelmeeres auf einem gemalten Bühnenprospekt, der sich über die ganze Spielfläche erstreckt. Mauerreste ragen aus dem Wasser, verraten zeitliche, archäologische Distanz. Doch mit Kriegsbeginn wird der blutgetränkte Boden freigelegt, rote Putzwolle, wohin man blickt. Treibstoffkanister und eine aufgebrochene Hauswand symbolisieren Kriegsbilder, wie man sie aus dem Fernsehen kennt.
Neben der Wucht von Sprache, Geste und Gebärde sind es vor allem die Bilder, die diese Inszenierung in die Köpfe der Zuschauer einbrennt. Wie sich Schauspieler und Statistinnen bewegen, ihre Anordnung auf dem Spiel- und Schlachtfeld, das macht die ausgefeilte Regie-Leistung dieser Inszenierung aus, die ihren Höhepunkt im Showdown findet, wenn der aus dem Krieg als Sieger heimkehrende Agamemnon mit den Opfern und Folgen seiner Tagen konfrontiert wird. Blumen bringen ihm die Frauen dar, weiße Lilien, die Blumen des Todes, eingesetzt als tödliche Wurfgeschosse.
Am Ende sitzt der traumatisierte General, der zum Ballern in den Hobbykeller hinabsteigt, inmitten schwarzer Friedhofserde und wühlt, als ob er sich sein eigenes Grab schaufle. Lilien schnellen durch die Luft, jede Blume ein todbringender Pfeil.
Nicht Agamemnon gilt die erlösende Katharsis in der Katastrophe, sondern all den Frauen. Und dem Zuschauer, der zweieinhalb Stunden lang, trotz einiger weniger Spannungslücken, die nachempfundene Wucht der griechischen Tragödie auf sich wirken lassen darf. Eine starke Ensemble-Leistung, in der alle Darsteller bis zum Äußersten gehen, in deren Mittelpunkt aber ein starker Odo Jergisch als Agamemnon und eine überragende Susi Wirth als Helena stehen. Viel Beifall für Regie und Darsteller.
Wolfgang Bager