«Die heilige Johanna der Schlachthöfe» von Brecht geht in der Konstanzer Inszenierung von Samuel Schwarz über aktuelle Kapitalismuskritik hinaus.
Konstanz – Das Theater ist gemeinhin weniger ein Ort der Stille, schon gar nicht, wenn Revolten verhandelt werden und deren Scheitern. Die Stille im Konstanzer Theater ist bei der Premiere von Brechts «Die heilige Johanna der Schlachthöfe» allerdings geradezu hör-, wenn nicht sogar spürbar. Gemeint ist dabei jene auf Seiten des Publikums. Nicht, dass es im kulturell so geordnet ablaufenden Stadttheaterbetrieb üblich wäre, dass das Publikum revoltierte. Trotzdem ist es wie ein Hintergrundrauschen zugegen, das zum feinen Seismografen dafür dienen kann, wie sehr das fesselt, was auf der Bühne geschieht.
Dort, wo es blutig ist
Was auf der Konstanzer Bühne in der Regie des Schweizers Samuel Schwarz abläuft, ist nichts weniger als die sichtbare Aufführung eines fein elaborierten Hörspiels, das eingebettet ist in verhaltene Bilder (Ausstattung: Christina Nyfeller). Sie geben den stimmigen Rahmen dafür ab, den Brecht-schen Gedankengängen zu folgen, die dieser ja zuallererst in Worte gegossen hat. Samuel Schwarz hat diesen Ansatz auch dadurch verdeutlicht, dass er auf die Hörspielfassung von 1932 zurückgegriffen hat, die von Berlin aus zum ersten Mal gesendet wurde. Dabei hat Brecht unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise seine Kapitalismuskritik in Chicago angesiedelt, dort, wo es blutig ums Schlachten geht. Johanna Dark, die sich für die Elenden einsetzt und doch selbst im Elend steckt (auf der Bühne sitzt Jessica Rust im Rollstuhl), trifft auf den Fleischkönig Pierpont Mauler (Thomas Ecke, kantig und sensibel), den man fast schon selbst als «Opfer der Verhältnisse» ansehen könnte. In einer nur zart angedeuteten Liebesgeschichte treten seine feineren Gesinnungen zutage, doch am Ende sind es die Gesetze des Kapitalismus, die sein Handeln bestimmen. Umschwung auch auf Seiten der Arbeiter, die den Aufstand proben und verlieren; eine Wende ebenfalls bei Johanna, die sich radikalisiert und in der Konstanzer Inszenierung am Kreuz endet.
«Hörspiel» auf der Bühne
Ein starkes Bild am Ende eines «Hörspiels», das auf einer Theaterbühne verblüfft und nachhaltig staunen lässt. Samuel Schwarz hat die Schauspieler auf Konzentration und Kürze eingeschworen, hat seinen Zielpunkt in einem Brief, der im Programmheft nachzulesen ist, scharf umrissen: «Ein makaberes Fest des christlichen Kapitalismus mit einer erfrorenen Johanna, die über der Szenerie schwebt. Die Musik suggeriert Wärme. Die Realität ist kalt.» Schwarz erweitert Brecht, der Religion als Opium fürs Volk bezeichnete, um eine aktuelle Nuance des gemeinschaftlichen Glaubens: den der Musik in der Popkultur, wenn nicht gar der Kultur als Ganzer.
Die Sprache als Instrument
Samuel Schwarz verhüllt mehr als er zeigt, lässt die Arbeiteraufstände hinter einem Vorhang nur schemenhaft stattfinden, ersetzt Figuren teilweise durch ihre Stimmen. So wird auch für die Schauspieler, die «im Vordergrund stehen» die Sprache zum ersten Instrument ihrer Profession.
Ausgeprägt klar sind sie zu vernehmen, wobei der Einsatz von Mikroports dazu führt, dass alle Stimmen in einer Ebene zusammenlaufen, was den Raumeindruck verfremdet. Nicht zuletzt lebt die Inszenierung von der Musik, die der Schweizer Michael Sauter eigens für diesen Anlass komponiert hat. Eine reife Ensembleleistung, bei der eins ins andere spielt, ohne dass sich «Stars» in den Vordergrund schieben würden. (ThurgauerZeitung)