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JTK-Gespräch zu „Was rufst du in die Welt?“

Katharina:         
Wann wart ihr das letzte Mal laut? Oder auch zu laut?
Annika:                
Die gleiche Frage habe ich auch.
Tanja:                  
Die hat, glaub ich, jeder, oder?
Alle lachen.
Annika:                
Ich hatte das als Jugendliche, dass ich, wenn ich unsicher war, einfach viel zu laut war.
Das hab ich immer noch ein bisschen, wenn ich sehr nervös bin oder das Gefühl habe, ich muss jetzt witzig sein.
Katharina:         
Das kenn ich.
Annika:                
Und mir knallt es manchmal durch, wenn ich nicht mehr weiß, wohin mit dem Ärger. Dann werde ich laut. Und das dann auch in unpassenden Situationen.
Tanja:                  
Meine Tochter sagt immer zu mir: „Mama, es ist viel schlimmer, wenn du leise wirst. Wenn du anfängst leise zu sprechen, dann ist Game over.“
Kristo:                
Welches leise Geräusch haltet ihr gar nicht aus?
Schweigen.
Annika:                
Dieses Spannungspfiepsen, wenn elektrische Geräte so ganz leise „pfiiiiiiiiiiiiiiiiiep“ machen.
Tanja:                  
Und du denkst so: „Woher kommt das?“
Annika:                
Irgendwo in einer Steckdose ein Akku, der pfiepst.
Tanja:                  
Wenn ich merke, dass ich jemanden verletzt habe. Dieser Moment, wenn sich eine unangenehme Stille breitmacht.
Annika:                
Oder du merkst bei einem Menschen, der dir gegenüber sitzt, am Atem, er oder sie möchte was sagen. Dieses Luftholen und Ansetzen und dann doch nicht Sprechen. Dann frage ich mich, gebe ich dir gerade nicht genug Raum, dass du was sagen kannst? Das halte ich schwer aus.
Kristo:                 
Ich halte bei manchen Menschen die Essgeräusche nicht aus. Da werde ich richtig aggro. Das ist unverhältnismäßig und hat überhaupt keinen Sinn, weil mich das bei anderen Leuten überhaupt nicht stört.
Katharina:         
Seid ihr lieber zu laut oder zu leise?
Kristo:                 
Zu leise. Fällt mir leichter, glaube ich. Wenn ich zu laut bin, kann es schnell sein, dass ich mich danach schäme oder mich entschuldige,  mich selber nicht mag und denke: „Wer ist dieser Typ, der da gerade so laut war?“ Das erinnert mich dann im schlimmsten Fall an meinen Vater. Ich hab ihn sehr geliebt, aber ich mochte es nicht, wenn er laut wurde.
Annika:                
Ich bin auch lieber zu leise. Weil ich konfliktscheu bin. Für andere bin ich gerne laut, aber wenn es um mich geht, bin ich eher zu leise. Wenn mich etwas wirklich beschäftigt, muss ich gegen einen inneren Widerstand ankämpfen, um laut zu werden.
Tanja:
Welcher Gedanke sollte jetzt laut in die Welt getragen werden?
Annika:                
Da gibt es natürlich viele...
Katharina:         
Ja, da weiß man gar nicht, bei welcher Baustelle man anfangen soll.
Langes Schweigen .
Annika:               
Ich glaube, was gerade viele Baustellen vereint, ist: zusammen durchhalten. Natürlich muss man nicht alles aushalten, was einem passiert. Aber es ist wichtig, dass wir zusammen sind und dass wir zusammen durchhalten.
Tanja:                
Bei mir war das tatsächlich auch so mit einer der ersten Gedanken. Ich hatte das Gefühl, wir haben in der Krise gemerkt, wie sehr wir einander brauchen. Das wir Menschen brauchen, dass wir Kontakt brauchen. Dieser Gedanke: WIR - lasst uns das gemeinsam schaffen.
Kristo:                 
Daran hängt ja auch die Frage: Welches WIR? Wer wird integriert, wer rausdefiniert. Minderheiten, wie Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Behinderung und so weiter, müssen mitgedacht werden. Und es ist wichtig, dass man zuhört. Diese Grabenkämpfe, das sich Einbuddeln in Positionen macht das schwerer. Politisch gesehen sind grade die rechten Linken und die linken Rechten die Wichtigsten. Dass die sagen: „Die Brücke hält, wir können uns auch in der Mitte überm Wasser treffen.“
Katharina:         
Habt ihr euch irgendwann bewusst entschieden, Dinge leiser zu machen?
Kristo:             
Beim Inszenieren weiß ich, dass, wenn ich falsch laut bin, meine Stimme anschlägt und Sachen weniger ankommen. Also dass das Ensemble dann einfach ungern zuhört. Und ich bin dankbar, wenn ich das merke, meine Stimme entspanne, und sie hören wieder besser zu.
Tanja:
Generell merke ich in meiner Arbeit gerade, dass mich die leisen Momente mehr interessieren. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich selber mehr Ruhe habe.
Katharina:         
Während des ersten Lockdowns habe ich nach zwei Wochen gemerkt, dass es mir überhaupt nicht gut getan hat, alle zehn Minuten in der Tagesschau-App den Liveblog zu aktualisieren und ständig die neusten Infektionszahlen zu checken. Ich habe ich mich bewusst entschieden damit aufzuhören, weil mir diese Informationsflut Angst gemacht hat.
Kristo:                 
Meine Chorleiterin sagte damals: „Lieber laut und falsch, als leise und richtig.“ Gibt es noch andere Orte als den Chor, an denen der Satz stimmen könnte?
Annika:               
Immer dann, wenn es darum geht, als Gruppe was zu schaffen. Im gruppendynamischen und auch im künstlerischen Sinn. Der Mut zu scheitern schwingt da ja auch mit.
Katharina:        
Auch wenn es darum geht, Fragen zu stellen. Es ist nie falsch nachzufragen, wenn man etwas nicht verstanden hat. In einer solchen Situation zu schweigen, also leise zu sein, weil man Angst hat, die Frage könne falsch sein, finde ich schwierig. Da lieber laut sein, auch wenn man vielleicht schon ein zweites oder drittes Mal fragt.
Tanja:                  
Was macht ihr gegen diese kleinen, leisen Monster in eurem Kopf?
Annika:                
Ich lass sie meistens in einem Moment, in dem ich alleine bin, laut werden, weil ich genau weiß, dass ich leichter mit ihnen umgehen kann, wenn ich kurz so eine halbe Stunde sage: „Okay, was ist denn gerade?“ Anstatt sie von vornherein wegzudrücken.
Kristo:                 
Ich rede offiziell über sie. Ich sage: „Da auf meiner Schulter sitzen sie.“ Oder: „In meinem inneren Parlament gibt es die und die.“ Ich habe den Gedanken, dass über sie zu reden, sie schon beruhigen kann. Aber das ist vielleicht nur eine Illusion.
Katharina:         
Was ist denn für euch noch laut außer lautstärke-laut? Also, seid ihr manchmal laut, ohne dass es ausschließlich oder überhaupt über die Lautstärke passiert?
Kristo:                
Ich finde Farben können auf eine synästhetische Weise laut sein. Manchmal auch zu laut, mit viel Neon und 80ger-90ger-Blin-Bling, türkis und lila.
Katharina:         
Wenn man selber andere nicht mehr ausreden lässt oder ihnen überhaupt keinen Raum gibt, in das Gespräch reinzukommen - das verbinde ich auch mit laut sein. Und zwar ohne dass es darum geht, dass ich angeschrien werde oder ich jemanden anschreie.
Annika:               
Eine Präsenz, die sehr laut ist, ohne, dass sie laut sein muss. Manche Menschen betreten den Raum und alle sind so: Whoa!
Kristo:                 
Leute, die mit ihrer Energie den Raum zum Schweigen bringen.
Tanja:                 
Das ist eine besondere Körperlichkeit.
Kristo:                
Ich hab oft die Phantasie, dass uns noch physikalischen Größen fehlen. Früher dachten die Menschen, Jupiter würde die Blitze werfen, bis sie rausgefunden haben, es gibt so etwas wie Strom. Vielleicht ist das so eine Art Welle, die bestimmte Leute in den Raum übertragen. Bei gleich bleibender Temperatur, gleich bleibendem Geruch.
Tanja:                  
Ich bin davon überzeugt, dass es so ist. Ich habe das manchmal ganz intensiv bei Menschen. Dass ich ihnen gegenüber sitze, und plötzlich spüre ich in mir so eine unerwartete Freude. Und ich denke mir: „Was ist das?“ Das kann passieren, ohne dass sie was sagen. Wie ein Energieaustausch. So: „Huch, was berührt dich da denn jetzt so?“
Kristo:                 
Wer war euch wann warum zu laut?
Annika:                
Ich glaube Trumps Twitter-Account. Der ist mir gerade zu laut. Das, was er da so raushaut. Wie kann es sein, dass ein Präsident Twitter nutzt und alles, was er schreibt, ungeprüft für bare Münze genommen wird?
Tanja:                  
Mir ist definitiv die AfD im Bundestag zu laut. Ich finde das unglaublich, wenn ich mir Bundestagsdebatten anschaue, mit welcher Respektlosigkeit die da reinbrüllen.
Katharina:         
Mir sind einseitige Meinungen in sozialen Netzwerken zu laut. Je nachdem, welchen Thread man sich anguckt und wo man sich durchklickt, ist immer eine Gruppe von Menschen besonders laut, und es gibt nie eine Diskussion oder eine Auseinandersetzung mehrerer Seiten. Es gibt die, die laut schreien, und die, die versuchen, mit richtigen, oder besser, mit gut gewählten Argumenten dagegen anzugehen. Und damit kriegen sie nie die gleiche Lautstärke wie die, die schreien.
Annika:              
Es ist ja oft so, dass auf die kleine, aber laute Gruppe gehört wird in der öffentlichen Debatte. Und wenn man dann nochmal genauer hinsieht, dann merkt man: „Oh, das sind ja gar nicht so viele! Das sind einfach nur die, die am lautesten schreien.“
Tanja:                  
Glaubt ihr, dass wer leise flüstert, siegt?
Kristo:                 
Ich glaube, das kommt darauf an, worüber wir reden. In der Beziehung kann das sehr wohl so sein. Wenn es ein Grundvertrauen gibt, wenn es eine Grundverabredung von Nähe gibt, dann kann leise auf Dauer viel, viel mächtiger sein. Global oder politisch gilt: einerseits, andererseits. Mahatma Gandhi hat viel erreicht, weil er leise war, aber die Lauten erreichen sehr viel.
Katharina:        
Gab es seoit dem ersten Lockdown einen Moment, in dem ihr das Gefühl hattet, Dinge sind leiser geworden, und das ist auch ganz schön?
Kristo:                 
Ja, Fußball! Die Spieler sagen gebetsmühlenartig: „Die Atmosphäre ist weg, die Zuschauer fehlen uns.“ Und ich glaube auch, dass es einigen so geht. Aber diese Atmosphäre vom Bolzplatz, wenn man Müller und Flick, und wie sie alle heißen, hört, als wären sie 14jährige Jungs.Das mal zu hören, finde ich toll.