Besonderheiten der Theaterarbeit im Gefängnis

Die Theaterarbeit im Gefängnis unterliegt einem streng reglementierten System aus Sicherheitsvorschriften, Kontrollen und festen Abläufen.
Persönliche Gegenstände (Handys, Laptops, Portemonnaies etc.) dürfen nicht mitgenommen werden.
Spiel- und Arbeitsmaterialien müssen vorab vom Sicherheitspersonal geprüft und genehmigt werden.
Gegenstände, die als Waffe fungieren könnten, sind per se verboten.
Die Proben werden in der Regel von zwei Theaterpädagog*innen geleitet und von einer/m Mitarbeiter*in der JVA begleitet.

Aufführungen
Aufführungen sind nur innerhalb der Gefängnismauern möglich. Neben internem Publikum (Mitarbeiter*innen, Insass*innen) ist externes Publikum in begrenztem Maße erlaubt. Jede*r externe Zuschauer*in muss sich vorab anmelden, registrieren und einer Personenprüfung unterziehen.

Probenformate

  • Gefängnisinterne Schulen
    Die Arbeit in den internen Schulen verläuft in Workshops und greift schulspezifische Themen auf. Die Theaterproben sind fester Bestanteil des Stundenplans und somit verpflichtend.
    In Absprache mit dem Lehrpersonal werden Inhalte geplant, die bei der schulischen Entwicklung der Schüler*innen (u.a. Konzentration, Sprache, Präsenz) unterstützen sollen.
  • Gefängnisinterne Betriebe
    Im Rahmen der gefängnisinternen Arbeit werden ebenfalls Theaterprojekte durchgeführt. Die Teilnahme ist verpflichtend und wird entsprechend der Tagesgehaltes vergütet. Bei Verweigerung kann die Teilnahme beendet und die reguläre Arbeit weitergeführt werden. Es wird über ein ¾ Jahr ein Stück erarbeitet und aufgeführt.
  • Freie Gruppen
    Im Rahmen der Freizeit werden ebenfalls Theaterprojekte angeboten. Die Teilnahme beruht auf Freiwilligkeit. Interessierte Insass*innen können sich für das Projekt anmelden, jedoch erst nach Erlaubnis der Anstaltsleitung teilnehmen.
    Mit den freien Gruppen wird über ein ¾ Jahr ein Stück erarbeitet und aufgeführt.

Ablauf der Proben

  1. Registrierung an der Pforte.
  2. Persönliche Wertgegenstände abgeben.
  3. Ausstattung mit einem Personen Notsignal Gerät (PNG), mit dem in Notfällen das Sicherheitspersonal gerufen werden kann.
  4. Abholung einer/s Mitarbeiters*in der JVA und Begleitung zum Probenraum.
  5. Zuführung der Inhaftierten durch das Sicherheitspersonal.
  6. Proben.
  7. Abführen der Inhaftierten durch das Sicherheitspersonal.
  8. Ein/e Mitarbeiter*in begleitet das Projektteam zum Ausgang.
    Abmeldung an der Pforte, PNG abgeben.

Anforderungen an die Theaterpädagogik

„Die mit der Theaterarbeit verbundene psychische und physische Nähe stellt eine große Herausforderung dar. Eingefahrene Herrschaftsrituale und starre Regeln werden in Frage gestellt und außer Kraft gesetzt. Es gilt, durch einen Körperpanzer aus Muskeln, Angst, Hass und Einsamkeit Zugang zu den Gefangenen zu finden. Der Probenraum muss sich zu einem geschützten Raum entwickeln und gegen allerlei Widrigkeiten behaupten, sowohl von Seiten der Gefangenen als auch der Institution, die sich häufig in ihrem Verwahralltag gestört fühlt. Bereits in diesen Auseinandersetzungen entfaltet die Arbeit ihre soziale, künstlerische und politische Dimension. Für die Gefangenen bedeutet Theater eine Abwechslung, eine Möglichkeit, um Hafterleichterungen zu erhalten, eine Verbesserung des sozialen Status im Gefängnis, aber auch die Gelegenheit, sich selbst in der Gefängnisgesellschaft neu zu deuten.
Radtke, Dirk:<<Gefängnistheater >>, in: Deutsches Archiv für Theaterpädagogik, https://www.archiv-datp.de/worterbuch-gefangnistheater/
 
Die Teilnehmer*innen müssen in besonderem Maße „abgeholt“ werden und spielerische Anreize bekommen, um sich auf das Medium einlassen zu können. Der Bezug zur Lebenswelt, den individuellen Interessen der Inhaftierten, spielen hier eine bedeutende Rolle.
Theaterspielen, an einem stark „hierarchisierten“ Ort wie dem Gefängnis, erfordert Mut.
Mut, Emotionen zuzulassen, diese vor anderen zu zeigen, sich damit in gewisser Weise angreifbar und verletzbar zu machen und den eigenen Status zu hinterfragen.

Umgang mit Straftaten
Theater hinter Gittern hat einen künstlerischen Schwerpunkt.
Die Inhaftierten werden als Spieler*innen, als Mitgestalter*innen eines künstlerischen Produktes, wertgeschätzt.
Das Wissen über die Biografien und damit verbundenen Straftaten der Inhaftierten, wird vom Projektteam bewusst abgelehnt.
Es bildet die Basis um „unbelastet“, unvoreingenommen miteinander arbeiten zu können.  
Der Probenraum soll den Spieler*innen einen geschützten Raum bieten, in dem die begangene Straftat für einen Moment „keine Rolle spielt“ und sich jede/r Spieler*in mit anderen Facetten erfahren und zeigen kann.
Durch die darstellende Kunst kann der/die Inhaftierte von seinen Mitmenschen anders wahrgenommen werden und zugleich Anerkennung und schöpferische Selbstwirksamkeit erleben.
All dies kann die Persönlichkeit des/der Inhaftierten stärken und im Hinblick auf eine Resozialisierung unterstützend wirken.

Chancen und Möglichkeiten


Theater hinter Gittern versucht Kunst und Kultur an Orte zu bringen, an denen es kaum bis gar keine Berührungspunkte damit gibt.
Über die darstellende Kunst soll eine Brücke zwischen dem Innen und Außen geschlagen werden und dem Leben hinter Gittern und den dort lebenden Menschen mehr Präsenz verleihen.
Trotz Gesetzesbruch sind Inhaftierte Mitbürger*innen unserer Gesellschaft, deren Stimmen gehört, gesehen und nicht unterdrückt werden sollte.


Chancen der Theaterarbeit im Gefängnis
Die Theaterarbeit ermöglicht eine Abwechslung zum Gefängnisalltag. Schaffen es die Inhaftierten sich auf die kreative, künstlerische Arbeit einzulassen, kann eine Art „Freiraum“ entstehen, indem der Zustand des Eingesperrt-seins, mit all den belastenden Gefühlen, für einen Moment in den Hintergrund rückt.
Im darstellenden Spiel kann sich der Einzelne auf neue, bis dato vielleicht unbekannte Weise zeigen und durch sein theatrales Wirken ggf. positive Wertschätzung beim Gegenüber hervorrufen. Die Präsentation vor Publikum ist in diesem Kontext bedeutend, denn sie kann zum Hinterfragen des eigenen, meist stereotypen, Bildes von Inhaftierten anregen.
Ebenso können psychosoziale Aspekte, wie das Erleben von Bedeutsamkeit und Mitverantwortung für die Gruppe, die eigene Gestaltungs- und Ausdrucksfähigkeit dazu beitragen, dass positive Selbstwirksamkeit erlebbar wird. All dies kann die Person nachhaltig bestärken.
Eine verlässliche Teilnahme am Theaterprojekt kann die Möglichkeit auf Hafterleichterungen bieten.