Wer ist Maria Lazar ?
Fast könnte man meinen, Maria Lazar sei eine aufstrebende Autorin, die sich in den letzten Jahren auf dem Buchmarkt und den Theaterspielplänen zu einer festen Größe entwickelt hat. Der Feuilleton spricht von ihr als Sensation und allein seit 2014, wie aus dem Nichts, wurden von ihr fünf Romane, ein Erzählband, ein Gedichtband und zahlreiche Theaterstücke veröffentlicht. Ihre Stücke werden auf den renommiertesten Bühnen wie dem Wiener Burgtheater, dem Münchner Volkstheater, dem Düsseldorfer Schauspielhaus aufgeführt. Und dem Theater Konstanz, das Lazars Theaterstück „Der Nebel von Dybern“ zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland auf die Bühne bringt.
Dreiundneunzig Jahre nach der Uraufführung im damals zum Deutschen Reich gehörenden Stettin. Dreiundneunzig Jahre, nachdem „Der Nebel von Dybern“ nach nur zwei Aufführungen abgesetzt und danach in Deutschland nicht mehr gespielt wurde. Dreiundneunzig Jahre nachdem Maria Lazar aus Furcht vor der Verfolgung durch das NS-Regime ins Exil gehen musste. Wer also ist Maria Lazar?
Maria Lazar wird 1895 in Wien als jüngstes von acht Kindern einer jüdischen, aber 1881 zum Katholizismus konvertierten Familie geboren. Gefördert durch den Besuch der Schwarzwaldschule, einer Gemeinschaftsschule mit reformpädagogischem Ansatz, zeigt sich schon früh in ersten Gedichten ihr literarisches Talent – ebenso ihr unbedingter Wille, nichts unversucht zu lassen, sich einen Weg zu ihrem Lesepublikum zu bahnen. Nach dem Schulabschluss arbeitet Lazar zunächst als Lehrerin, verkehrt in der Wiener Kulturszene und arbeitet an ihrem Debütroman, der 1920 erscheint. „Die Vergiftung“, eine wütende und ambitionierte Abrechnung mit der bürgerlichen Gesellschaft und überkommenen Geschlechterrollen, traf und empörte den Zeitgeist. Während Robert Musil in Lazars Debüt „jugendlicher Ellenbogen, manchesmal rücksichtslos unbefangener Blick, reicher Einfall und behende Kraft im Figuralen“, erkannte, beschränkte Thomas Mann seine inhaltliche und stilistische Auseinandersetzung auf das Geschlecht der Autorin: „Begann mit einem Roman „Vergiftung“ von Maria Lazar, lese aber nicht weiter. Penetranter Weibsgeruch“.
Das Jahr 1923 bringt für Lazar mehrere Umbrüche: die Heirat mit dem Journalisten Friedrich Strindberg und die zunehmende Betätigung als Journalistin. In ihren Feuilletons mokiert sich Lazar mit spitzer Feder häufig über die Gedankenlosigkeit ihrer Zeitgenossen. In ernsteren Beiträgen analysiert sie hellsichtig die Vorzeichen des Faschismus und ergreift immer wieder die Partei der Kinder. So polemisiert sie gegen die Prügelstrafe: „Es gibt kein Gesetzbuch für Kinderstrafen. Jeder Vater ist der Richter seiner Familie. Wodurch approbiert? Durch seine pädagogischen Fähigkeiten? Nein. Durch seine Zeugungsfähigkeit.“
Während sie schnell zu einer der meistgelesenen Journalist*innen der linksliberalen Zeitung „Der Tag“ avanciert, hält die Ehe mit Strindberg nur bis 1926; verschafft ihr jedoch, neben der Geburt ihrer Tochter Judith auch die später lebensrettende schwedische Staatsbürgerschaft. Jedoch reichen die spärlichen Zeitungshonorare für die alleinerziehende Mutter nicht zum Lebensunterhalt. So erschließt sich Lazar eine neue Erwerbsquelle: Sie übersetzt englische, französische und vor allem dänische Literatur.
Nur mit den Versuchen ihre eigenen Werken zu publizieren, scheitert sie. Die Verlage loben ihre Werke zwar, lehnen eine Veröffentlichung jedoch ab. Dies veranlasst Lazar, sich, wie bereits angekündigt, ihren Weg zur Leserschaft selbst zu bahnen. Lazar hatte erkannt, dass die Verlage ohne großes Zögern „jedes nordische Buch“ in ihr Programm aufnahmen. Das bringt sie auf die Idee, dass wenn die Verlage kein Interesse an den Werken der österreichisch-jüdischen Autorin Maria Lazar haben, sie jedoch nicht zögern würden, die Übersetzungen einer von ihr erfundenen dänischen Autorin zu verlegen. Kurzerhand ist Esther Grenen geboren.
Bei der Namensgebung ihres Alter Egos entscheidet sich Lazar, die bereits als Kind nach Dänemark gereist war, für den dänischen, bei Skagen gelegenen Ort Grenen und Esther als Reminiszenz an ihre jüdischen Wurzeln. Zu diesem Zeitpunkt nehmen deutschsprachige Verlage aufgrund des erstarkenden Antisemitismus und Nationalsozialismus schon weniger Beiträge von jüdischen Autor*innen in ihr Programm.
Lazars Streich gelingt – sogar zu gut. Nachdem sich ihr Roman „Veritas verhext die Stadt“ gut verkauft, entsteht ein größeres Interesse an der Person Esther Grenen – einer Autorin, von der in ihrem Heimatland Dänemark noch niemand etwas gehört hatte, geschweige denn ein Buch erschienen war. Auch kann die von Lazar und ihren eingeweihten Vertrauten erfundene Legende, Esther Grenen sei eine exzentrische, geschiedene Dame von planloser Lebensführung und die als Globetrotterin nicht per Brief und Telegramm zu erreichten sei, den Spekulationen nur bedingt Abhilfe verschaffen. Als die Autorin und Lazars Freundin Karin Michaëlis den Roman innerhalb von nur zwei Wochen ins Dänische übersetzt, mehrten sich bereits Stimmen, die nicht mehr an die Existenz einer dänischen Autorin glaubten.
Am 20. Februar 1933 kann Lazars, ebenfalls unter ihrem Pseudonym veröffentlichtes Drama „Der Nebel von Dybern“ in Stettin uraufgeführt werden. Zuvor waren geplante Aufführungen in Wien und Graz nicht zustande gekommen und eine in Berlin geplante Premiere polizeilich verboten worden.
Obwohl Lazar in ihrem Stück die Nationalsozialisten nicht benennt, vielmehr, wohl um einer Zensur zuvorzukommen, politische Akteure und den gesamten Staatsapparat bewusst ausspart, richtet sich ihre Kritik unmissverständlich gegen die Politik und Interessen der NSDAP sowie des im Januar zum Reichskanzler ernannten Adolf Hitler. Mehr noch: Lazar lenkt mit ihrem Szenario einer Chemiefabrik, in der im Geheimen Giftgas produziert und Forschung an Kampfmitteln betrieben wird, den Blick der Öffentlichkeit auf eine empfindliche Stelle. So musste bereits 1927 Reichswehrminister Geßler zurücktreten, weil infolge einer Insolvenz illegale, durch den Versailler Vertrag verbotene Rüstungsbestrebungen zu Tage kamen. Maria Lazar Stück sticht genau in diese sensible Stelle und klagt einerseits die Verbindungen zwischen Industrie und Militär an und sensibilisiert andererseits die eigene Bevölkerung für die Gefahren eines zukünftigen Gaskriegs, der das Ausmaß des Ersten Weltkriegs noch übertreffen könnte. So wundert es kaum, dass Lazars Drama bereits nach zwei Aufführungen von den Nationalsozialisten abgesetzt wurde und der regieführende Intendant seines Postens enthoben wurde.
Die nach dem Brand des Berliner Reichstags am 27. Februar 1933 erlassene Notverordnung und die wenige Wochen später verabschiedete Ermächtigungsgesetzgebung machen Lazar deutlich, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die Reste der verfassungsmäßigen Ordnung beseitigt und ihr eigenes Leben bedroht sein wird. Bereits 1933, fünf Jahre vor der Annexion Österreichs, emigriert Lazar mit ihrer Freundin, der Schauspielerin Helene Weigel und deren Mann Bertolt Brecht, nach Dänemark. In ihrem bereits 1932 vollendeten Roman „Leben verboten!“, der nicht mehr in Deutschland veröffentlicht werden kann, richtet eine jüdische Tochter den dringenden Appell an ihren Vater: „Es wird nicht mehr lange friedliche Länder geben. Du aber weißt doch wenigstens was vor sich geht, du kennst die Tatsachen. Ich bitte dich, reis ab, so bald du kannst, bleib fort, so lang es geht, komm überhaupt nicht mehr zurück. Erzähl, erzähl, berichte, warne, solange es noch Zeit sein kann! Und laß dich nicht zum Schweigen bringen, auch wenn man dir nicht glauben will!“
In ihrem Exil arbeitet Lazar weiter an eigenen Theaterstücken, Romanen und veröffentlicht in der von Brecht, mit dem sie sich als Sozialdemokratin heftige Streitgespräche liefert, herausgebenden Exilzeitschrift „Das Wort“. Ihr in den Jahren 1938/39 verfasstes Theaterstück „Der blinde Passagier“ erzählt von einem Juden, der vor dem NS-Regime flieht, sich auf dem Boot einer dänischen Familie versteckt und diese vor ein Dilemma stellt: Soll sie den Flüchtigen anzeigen oder ihn nach Dänemark bringen und sich damit selbst in Gefahr bringen? Eine geplante Aufführung scheitert an der Befürchtung einer Kontroverse und negativen Reaktion auf Lazars Kritik und Auseinandersetzung mit der dänischen Flüchtlingspolitik. 1939 kann Lazar, gerade noch rechtzeitig, vor der Besetzung Dänemarks nach Schweden fliehen. Die durch Heirat mit Friedrich Strindberg erlangte schwedische Staatsbürgerschaft rettet ihr Leben – während zwei ihrer Geschwister im nationalsozialistischen Terror ermordet werden.
Lazars Exil ist von anhaltender finanzieller Unsicherheit geprägt. Trotzdem weigert sie sich beharrlich, den angeheirateten Familiennamen ihres Schwiegervaters August Strindberg anzunehmen und ihrem Schreiben dadurch eine größere Aufmerksamkeit zu verschaffen. Lazar versteht sich als politisch Verfolgte, arbeitet, auch wenn der Erfolg und Veröffentlichungen ausbleiben, unermüdlich weiter, kann jedoch nicht mehr in ihrer Muttersprache Deutsch schreiben. Nachdem sie Anfang der 1940er unheilbar an Morbus Cushing erkrankt, beendet sie 1948 selbstbestimmend ihr Leben.
Dass Maria Lazars Werke heute wieder veröffentlicht und gespielt werden, gleicht in der Tat einer Sensation. „Bis 2014, als der österreichische Verleger Albert C. Eibl Lazars Debütroman „Die Vergiftung“ im von ihm gegründeten Verlag „Das vergessene Buch“ neu herausgab, war Lazar – abgesehen von vereinzelten literaturwissenschaftlichen Beiträgen – nach dem Krieg weitgehend in Vergessenheit geraten. Auch in Biografien von Zeit- und Weggefährten wie Brecht oder literaturhistorischen Werken findet bis 2014 allenfalls ihr Name Erwähnung, aber keine angemessene Würdigung und Auseinandersetzung mit ihrem Werk. Damit steht Lazar in einer Reihe in Vergessenheit geratener und von der literarischen Rezeption sträflich nichtbeachteter Autorinnen und Journalistinnen wie Gabriele Tergit, Veza Canetti oder Hermynia Zur Mühlen.
Es bleibt das vielschichtige, noch nicht gänzlich erschlossene und übersetzte Werk einer politischen und gesellschaftskritischen Schriftstellerin, das expressionistische Arbeiten wie „Die Vergiftung“ und „Der Henker“, Komödien wie „Die Hölle auf Erden“, dichtes Kammerspiel wie „Der blinde Passagier“, atmosphärische Beobachtungen gesellschaftlicher Umbrüche wie in „Viermal Ich“ oder „Leben verboten!“ oder das Spiel mit Dialekt und Erzählperspektive wie in „Die Eingeborenen von Maria Blut“ umfasst. Als Schriftstellerin liefert Maria Lazar analytische Beobachtungen ihrer Zeit und lenkt den Blick ihrer Leser*innenschaft mit journalistischer Präzision und dem Vermögen, Spannung und lebensnahe Figuren zu erschaffen, auf moralische Fragestellungen, wirtschaftliche Verhältnisse und zeigt, wie der Faschismus eine Gesellschaft durchdringt; verführt, mitreißt und begeistert. Dabei verzichtet sie, ohne dadurch an Dringlichkeit zu verlieren, auf klare ideologische Positionen oder eine starke, kommentierende Erzählstimme und lässt ihre Figuren sprechen – und ihr Publikum eigene Schlüsse ziehen.
Maria Lazars Werk kann für sich sprechen und wird sich, mit nur etwas Verzögerung und ein wenig Glück, den verdienten Platz unter den modernen Klassiker*innen bahnen.