Nachrichten von der Grenze

Blog zum Stadtensemble

Das ist unser neu gegründetes STADTENSEMBLE

Bis zur Premiere unseres Projekts "Hin und Her" nach Ödön von Horvàth am 11. Juni 2021 stellt sich jede Woche ein Mitglied mit seinen Gedanken zum Thema "Grenzen" auf dieser Seite vor. 

Wochenbeiträge

1. Woche - Sophie

Foto: seiltanz.ch

GRENZE – ein Balanceakt

Wann ziehe ich eine Linie?
Wann öffne ich meine Tür?
Wann akzeptiere ich einen Zaun?
Wann klettere ich drüber?

Und dann kommt es ja auch noch auf die Art und Weise an…
Und manchmal würde man gerne eine Linie ziehen oder seine Tür öffnen oder einen Zaun akzeptieren oder über einen Zaun klettern, aber kann es nicht… oder doch?
Je länger ich über den Begriff „Grenze“ nachdenke, umso deutlicher wird mir bewusst, dass wir Menschen permanent in einem Spannungsverhältnis zwischen Begrenzung und Offenheit leben.
Ein täglicher Balanceakt.

2. Woche - Antje

3. Woche - Sarah

4. Woche - Doro

5. Woche - Patricia

Grenzen
(Patricia Mohr)
 
„Grenzen setzt man sich nur im Kopf“ – sagte ein Freund neulich zu mir.
Und während ich bringe diese Zeilen zu Papier,
denke ich darüber nach,
ob das wohl wirklich stimmen mag.
 
Ja, wir versinken im Meer der Möglichkeiten,
können uns scheinbar grenzenlos ausbreiten,
haben gewonnen in der Lotterie des Lebens
doch manchmal scheint unser WOLLEN so vergebens.
 
Wir scheitern an der Grenze vom Ich zum Du
sie lässt uns nächtelang keine Ruh.
Wir sind gefangen in unserem Körper, unseren Gedanken
und scheinen gelegentlich daran zu erkranken.
 
Schauen aus dem Fenster sicher abgegrenzt
während ein anderer draußen ums Überleben kämpft.
Meinungen prallen an ihr ab,
die Zeit ist knapp.


Grenzen.
Wir wollen sie sooft überwinden,
doch sehen unseren Mut dabei schwinden.
Ein Schritt, eine Geste, ein Wort,
und: fort.

6. Woche - Klara

7. Woche - Christa

Mit Empathie, Liebe, Neugier und Respekt lassen sich Grenzen abbauen.
Sehr gut hat das Dota Kehr, Liedermacherin, in ihrem Liedtext „Grenzen“ auf einen Nenner gebracht.
 
GRENZEN
 
Wer ist drinnen wer ist draußen
Ich male eine Linie, du darfst nicht vorbei
Da trifft Luft auf Luft
Da trifft Land auf Land
Da trifft Haut auf Blei
Wo ist oben wo ist unten
Wer könnte, wer wollte das ändern?
Was geschieht in den Ländern
An ihren Rändern
Es gibt Frontex und Poschpex
Zäune, Waffen, Flüchtlingsabwehrkonferenzen
Das Mittelmeer wird ein Massengrab
Es gibt Grenzen
Sie führen zu Nationalsozialismus mit seinen bekloppten Konsequenzen
Man entrechtet Leute nur weil sie von irgendwoher kamen
Es gibt Grenzen
Könnten sie diese Antwort bitte sinngemäß richtig ergänzen
Das liegt möglicherweise im Kern des Problems
Es gibt Grenzen
Ich melde mich ab
Ich will einen Pass wo Erdenbewohner drinn' steht
Einfach nur Erdenbewohner
Sag mir bitte wohin man da geht
Ich melde mich ab
Ich melde mich um
Es kann doch so schwierig nicht sein
Schreibt einfach nur Erdenbewohner da rein


Wir ziehen eine Grenze im Himmel
Ein Gott ist hier und einer ist dort
Dann drohen sie sich mit den Fäusten
In Ewigkeit und sofort
Da muss es was Besseres geben
Frieden bringt kein Götterbote
Wir haben es ein paar tausend Jahre mit Grenzen versucht
Es gab viele Tote
Nennt mich Naiv
Es ist mir egal aber ich finde es reicht
Ich suche das Land indem jeder den anderen in Staatsunabhängigkeit gleicht
Ich melde mich ab
Ich will einen Pass wo Erdenbewohner drinn' steht
Einfach nur Erdenbewohner
Sagt mir bitte wohin man da geht
Ich melde mich ab
Ich melde mich um
Es kann doch so schwierig nicht sein
Ich schließe die Tür und genieße die Stille
Ich grenze mich ab das muss sein
Jeder hat seine Grenze die ihn umgibt
Sie schließt ihn schützend ein
Jeder Übergriff jeder Schlag
Verletzt ein Menschenrecht
Warum schützt man die Grenzen der Staaten so gut und die Grenzen der Menschen so schlecht?
Sie müssen nicht zwischen den Ländern verlaufen aber zwischen den Menschen
Nicht aus Stacheldraht sollen sie sein sondern aus Respekt
Es gibt Grenzen

8. Woche - Marina

9. Woche - Boris

Grenzen sind überall: es gibt nicht nur Staatsgrenzen mit Zäunen und Grenzsteinen, sondern auch eigene Grenzen. Manchmal kann man die eigenen Grenzen einfach wegschieben und weitergehen, manchmal gelingt dies nicht. Auch wenn man eigene Grenzen nicht überwinden oder einfach wegschieben kann, sind sie für unsere eigene Orientierung nahezu notwendig. Ohne eigene innere und äußere Grenzen würde uns etwas fehlen. Ein Leben ohne Grenzen hat selbst darin sein Grenze, dass ein Grundbedürfnis von Mensch und Tier schon immer war : eine Grenze zum Nächsten – ein Revier - zu ziehen. Unsere Autos grenzen uns ab – mit ihrer Größe und viel Blech; wir stopfen uns beim Spaziergang Kopfhörer in die Ohren, um uns von der Umwelt abzugrenzen. So bleibt die Grenze stets unser im Stillen herbeigesehnter Begleiter – auch wenn wir nach Außen hin alles grenzenlos und global haben wollen.
 

10. Woche - Steffi

Grenze kann als so schrecklich, diskriminierend und ungerecht erlebt werden.
Da ist der Wunsch nach einer Welt ohne Grenzen verständlich.
Doch Grenzen sind nicht nur unnötig, unmenschlich und unsozial. Sie können unglaublich wichtig und gut sein. Oft im Leben kommen wir an unsere inneren Grenzen, ganz bewusst oder auch Unbewusst. Bei Angst verstecken wir uns gerne hinter solch einer Grenze wie hinter einer Schutzmauer.

Fragen die ich mir immer wieder aufs Neue stelle:
Wo sind meine persönlichen Grenzen für mich?
Wo ist es mir ganz wichtig, dass sie keiner übertritt oder ignoriert?
Wo muss ich sie klarer setzen, dass sie erkannt und auch gesehen werden können?
Wie gut nehm ich die Grenzen von anderen war und akzeptiere sie?
Wie kann ich meinen Kindern Grenzen setzen ohne sie einzuengen, damit sie sich wahrgenommen und gut begleitet fühlen?
Hab ich Grenzen jemals schon in Frage gestellt?
Bin ich in der Lage meine Grenzen einzureißen, wenn sie mich behindern und einschränken?
Kann ich meine Grenzen mutig äußern um authentisch zu sein?
Wann hab ich Grenzen überwunden und Stärke daraus gewonnen?
Ist es mir möglich meine Grenzen zu akzeptieren, wenn es nicht anders geht? Und kann ich sie dann auch versöhnlich annehmen? Ist es mir bewusst, dass ich mich selbst verletze, wenn ich aus Angst vor Ablehnung Dinge tu, die ich gar nicht möchte, oder zulasse, dass andere meine Grenzen überschreiten!
Meine Erkenntnis für mich: „Grenzenlose Liebe kann dort entstehen, wo Grenzen wahrgenommen und akzeptiert werden!“  

Gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.