Nachrichten von der Grenze

Blog zum Stadtensemble

Das ist unser neu gegründetes STADTENSEMBLE

Bis zur Premiere unseres Projekts „Hin und Her“ am 26. September 2021 finden Sie hier Gedanken zum Thema „Grenze“ von unserem STADTENSEMBLE.

Wochenbeiträge

Sophie

Foto: seiltanz.ch

GRENZE – ein Balanceakt

Wann ziehe ich eine Linie?
Wann öffne ich meine Tür?
Wann akzeptiere ich einen Zaun?
Wann klettere ich drüber?

Und dann kommt es ja auch noch auf die Art und Weise an…
Und manchmal würde man gerne eine Linie ziehen oder seine Tür öffnen oder einen Zaun akzeptieren oder über einen Zaun klettern, aber kann es nicht… oder doch?
Je länger ich über den Begriff „Grenze“ nachdenke, umso deutlicher wird mir bewusst, dass wir Menschen permanent in einem Spannungsverhältnis zwischen Begrenzung und Offenheit leben.
Ein täglicher Balanceakt.

Antje

Sarah

Doro

Patricia

Grenzen
(Patricia Mohr)
 
„Grenzen setzt man sich nur im Kopf“ – sagte ein Freund neulich zu mir.
Und während ich bringe diese Zeilen zu Papier,
denke ich darüber nach,
ob das wohl wirklich stimmen mag.
 
Ja, wir versinken im Meer der Möglichkeiten,
können uns scheinbar grenzenlos ausbreiten,
haben gewonnen in der Lotterie des Lebens
doch manchmal scheint unser WOLLEN so vergebens.
 
Wir scheitern an der Grenze vom Ich zum Du
sie lässt uns nächtelang keine Ruh.
Wir sind gefangen in unserem Körper, unseren Gedanken
und scheinen gelegentlich daran zu erkranken.
 
Schauen aus dem Fenster sicher abgegrenzt
während ein anderer draußen ums Überleben kämpft.
Meinungen prallen an ihr ab,
die Zeit ist knapp.


Grenzen.
Wir wollen sie sooft überwinden,
doch sehen unseren Mut dabei schwinden.
Ein Schritt, eine Geste, ein Wort,
und: fort.

Klara

Christa

Mit Empathie, Liebe, Neugier und Respekt lassen sich Grenzen abbauen.
Sehr gut hat das Dota Kehr, Liedermacherin, in ihrem Liedtext „Grenzen“ auf einen Nenner gebracht.
 
GRENZEN
 
Wer ist drinnen wer ist draußen
Ich male eine Linie, du darfst nicht vorbei
Da trifft Luft auf Luft
Da trifft Land auf Land
Da trifft Haut auf Blei
Wo ist oben wo ist unten
Wer könnte, wer wollte das ändern?
Was geschieht in den Ländern
An ihren Rändern
Es gibt Frontex und Poschpex
Zäune, Waffen, Flüchtlingsabwehrkonferenzen
Das Mittelmeer wird ein Massengrab
Es gibt Grenzen
Sie führen zu Nationalsozialismus mit seinen bekloppten Konsequenzen
Man entrechtet Leute nur weil sie von irgendwoher kamen
Es gibt Grenzen
Könnten sie diese Antwort bitte sinngemäß richtig ergänzen
Das liegt möglicherweise im Kern des Problems
Es gibt Grenzen
Ich melde mich ab
Ich will einen Pass wo Erdenbewohner drinn' steht
Einfach nur Erdenbewohner
Sag mir bitte wohin man da geht
Ich melde mich ab
Ich melde mich um
Es kann doch so schwierig nicht sein
Schreibt einfach nur Erdenbewohner da rein


Wir ziehen eine Grenze im Himmel
Ein Gott ist hier und einer ist dort
Dann drohen sie sich mit den Fäusten
In Ewigkeit und sofort
Da muss es was Besseres geben
Frieden bringt kein Götterbote
Wir haben es ein paar tausend Jahre mit Grenzen versucht
Es gab viele Tote
Nennt mich Naiv
Es ist mir egal aber ich finde es reicht
Ich suche das Land indem jeder den anderen in Staatsunabhängigkeit gleicht
Ich melde mich ab
Ich will einen Pass wo Erdenbewohner drinn' steht
Einfach nur Erdenbewohner
Sagt mir bitte wohin man da geht
Ich melde mich ab
Ich melde mich um
Es kann doch so schwierig nicht sein
Ich schließe die Tür und genieße die Stille
Ich grenze mich ab das muss sein
Jeder hat seine Grenze die ihn umgibt
Sie schließt ihn schützend ein
Jeder Übergriff jeder Schlag
Verletzt ein Menschenrecht
Warum schützt man die Grenzen der Staaten so gut und die Grenzen der Menschen so schlecht?
Sie müssen nicht zwischen den Ländern verlaufen aber zwischen den Menschen
Nicht aus Stacheldraht sollen sie sein sondern aus Respekt
Es gibt Grenzen

Marina

Boris

Grenzen sind überall: es gibt nicht nur Staatsgrenzen mit Zäunen und Grenzsteinen, sondern auch eigene Grenzen. Manchmal kann man die eigenen Grenzen einfach wegschieben und weitergehen, manchmal gelingt dies nicht. Auch wenn man eigene Grenzen nicht überwinden oder einfach wegschieben kann, sind sie für unsere eigene Orientierung nahezu notwendig. Ohne eigene innere und äußere Grenzen würde uns etwas fehlen. Ein Leben ohne Grenzen hat selbst darin sein Grenze, dass ein Grundbedürfnis von Mensch und Tier schon immer war : eine Grenze zum Nächsten – ein Revier - zu ziehen. Unsere Autos grenzen uns ab – mit ihrer Größe und viel Blech; wir stopfen uns beim Spaziergang Kopfhörer in die Ohren, um uns von der Umwelt abzugrenzen. So bleibt die Grenze stets unser im Stillen herbeigesehnter Begleiter – auch wenn wir nach Außen hin alles grenzenlos und global haben wollen.
 

Steffi

Grenze kann als so schrecklich, diskriminierend und ungerecht erlebt werden.
Da ist der Wunsch nach einer Welt ohne Grenzen verständlich.
Doch Grenzen sind nicht nur unnötig, unmenschlich und unsozial. Sie können unglaublich wichtig und gut sein. Oft im Leben kommen wir an unsere inneren Grenzen, ganz bewusst oder auch Unbewusst. Bei Angst verstecken wir uns gerne hinter solch einer Grenze wie hinter einer Schutzmauer.

Fragen die ich mir immer wieder aufs Neue stelle:
Wo sind meine persönlichen Grenzen für mich?
Wo ist es mir ganz wichtig, dass sie keiner übertritt oder ignoriert?
Wo muss ich sie klarer setzen, dass sie erkannt und auch gesehen werden können?
Wie gut nehm ich die Grenzen von anderen war und akzeptiere sie?
Wie kann ich meinen Kindern Grenzen setzen ohne sie einzuengen, damit sie sich wahrgenommen und gut begleitet fühlen?
Hab ich Grenzen jemals schon in Frage gestellt?
Bin ich in der Lage meine Grenzen einzureißen, wenn sie mich behindern und einschränken?
Kann ich meine Grenzen mutig äußern um authentisch zu sein?
Wann hab ich Grenzen überwunden und Stärke daraus gewonnen?
Ist es mir möglich meine Grenzen zu akzeptieren, wenn es nicht anders geht? Und kann ich sie dann auch versöhnlich annehmen? Ist es mir bewusst, dass ich mich selbst verletze, wenn ich aus Angst vor Ablehnung Dinge tu, die ich gar nicht möchte, oder zulasse, dass andere meine Grenzen überschreiten!
Meine Erkenntnis für mich:„Grenzenlose Liebe kann dort entstehen, wo Grenzen wahrgenommen und akzeptiert werden!“ 

Tine

Thomas

1 Felder. nichts als

3 so weit schlagen die Halme ihr Zelt auf.
4 kann nicht mehr wissen
5 ob du sitzt oder liegst
6 auf winzigem Teller
7 serviert der Himmel Wolkenkrokant

9 ist das deine Hand oder wieder nur Gräser?
10 wir dürfen verlieren wir dürfen uns nicht
11 wir werden schon körniger
12 Striemen
13 ich merke das Mahlen
14 in deinem Ohr
15
16 wer baut solche Felder
17 die Menschen verdauen?
18 wer speert uns so ein
19 die Finger vor Augen
20 von Kolben ununterscheidbar
21 wer presst uns in Acker?
22 
23 hier darfst du nicht festwachsen
24 nicht nach allem
25 wir wissen nicht, ob es
26 noch ein Haus gibt du
27 ohne peitschende Halme
28 und ährenhaarig die Menschen
29 du irgendwo hinter den Türmen
30  


2 lass dieses Korn da
3 es macht dich zu Erde
4 wo ist deine Hand?
5 wir hören die Hunde
6 das Gras wird jetzt lichter
7
8 wir gehen, der Acker
9 zerrt uns ins Tiefe
10 wer baut solche Felder?
11 wir gehen, wir japsen
12 wart hinter dem Baum da
13
14 die Halme erzittern
15 und öffnen das Sternzeichen
16 Wachmann mit Hund

Anne-Stine (Regie, Berlin)

Christian (Bühne & Kostüme)

Die Premiere ist zwar erst im September, aber die Kostüme werden in den Werkstätten bereits angefertigt.
Und für das STADTENSEMBLE geht sogar der Mond auf…

Lasse

Doris (Dramaturgie)

Als Dramaturgin hier naturgemäß ein Ausschnitt aus einem Buch: „Die unaufhörliche Wanderung“ des empfehlenswerten Autors Karl-Markus Gauß, Paul Zsolnay Verlag Wien 2020:
 
Der Mensch ist in seiner körperlichen und geistigen Existenz gar nicht denkbar ohne Grenzen, die er psychisch hat und auf die er psychisch angewiesen ist. Ohne das Wissen darum, wer ich jedenfalls nicht bin, kann ich nicht zu einem Bild meiner selbst gelangen. Wenn ich andererseits nur darauf aus bin, festzulegen, wer und was ich alles nicht bin, wird jenes Selbstbild armselig ausfallen und meine Existenz aufs Lächerlichste beschränken. In der Frühzeit unserer Geschichte waren Clans und Stämme unablässig unterwegs, in Gebiete zu gelangen, die ihnen Nahrung boten und das Überleben gewährten. Stießen sie dabei auf andere, sind sie einander nur selten friedfertig als edle Wilde begegnet, die einander achteten und miteinander teilten, was ihnen die Natur zur Verfügung stellte. Die Regel waren Kämpfe, in denen sie einander zu vertreiben versuchten und der Stärkere den Schwächeren tötete und unterwarf und, im günstigen Fall für die unterlegene Gruppe, deren Mitglieder in den eigenen Stamm aufnahm. Auf die Idee, das Lebensgebiet anderer Gruppen zu achten, also gewissermaßen eine Grenze zu respektieren, hinter der andere Menschen leben und das Recht haben, unbehelligt zu bleiben, ist die Menschheit nicht durch einen der Gattung innewohnenden Altruismus gekommen.

Die Grenzen, die nicht überschritten werden durften, entstanden dort, wo auf der anderen Seite ungefähr gleich starke Gruppen leben und der Ausgang eines Waffengangs gegen sie zu ungewiss war, um ihn zu führen, oder selbst ein Sieg womöglich zu wenig eingebracht haben würde, als dass es für ihn zu kämpfen gelohnt hätte. Das Gleichgewicht militärischer Stärke hat es nahegelegt, lieber Vereinbarungen zu treffen, und in diesen Vereinbarungen, die später zu Verträgen führten, liegt die Geburtsstunde territorialer Grenzen. Diese waren also ein zivilisatorischer Fortschritt.

Das zu wissen und anzuerkennen, heißt nicht, in den Grenzen von heute per se den Frieden sichernde oder gar stiftende Einrichtungen zu sehen. Betrachtet man die Entwicklung der Grenzen innerhalb Europas von der Ära des Kalten Krieges, als durch den Kontinent eine als Eiserner Vorhang bezeichnete hochmilitarisierte Grenze schnitt, bis heute, da alte, halb schon vergessen geglaubte Grenzen neu aufgerüstet werden, so fällt eine Gemeinsamkeit auf: Sie sind allesamt keine Erfindung der Menschen, die an der Grenze leben, sondern der Zentralen. Die Macht ist im Zentrum zu Hause, und sie sucht ihre Befugnisse gerade dort zu erweisen und zu erweitern, von wo sie am weitesten entfernt ist, an den Rändern, an der Peripherie. Die Grenze ist der äußerste territoriale Posten eines Staates, ist Peripherie schlechthin. An der Art der Grenze, die sie der Peripherie verordnet, erweist sich nicht nur die Macht, sondern auch der politische Charakter des Zentrums.

Die Grenzregion selbst hat oft ganz andere Interessen als das Zentrum, ihren Menschen mag der Anwohner auf der anderen Seite von Tradition, Herkunft, Gewohnheit näher und in seiner Nähe auch ökonomisch wichtiger sein als die eigene ferne Metropole.

Außerdem empfehle ich die aktuelle Ausstellung „An die Grenze kommen“ gleich neben der Spiegelhalle an der Kunstgrenze.

Gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.