26/09/20

STADTTHEATER

ABO

Jeder stirbt für sich allein

nach dem Roman von Hans Fallada

Dauer ca. 2:20 Stunden
Regie Schirin Khodadadian Bühne Carolin Mittler Kostüme Charlotte Sonja Willi
Musikalische Leitung Johannes Mittl Dramaturgie Doris Happl
Mit Ingo Biermann, Sebastian Haase, Katrin Huke, Miguel Jachmann, Jana Alexia Rödiger, Pauline Werner, Burkhard Wolf

Aufgerüttelt durch den Fronttod ihres Sohnes „für Führer und Vaterland“ schreibt das Ehepaar Quangel einfache Botschaften auf Postkarten, mit denen sie zum Widerstand aufrufen. Schon bald geraten sie ins Visier des Kriminalkommissars Escherich, der unter dem Druck seiner Vorgesetzten in Zugzwang gerät. Denn, so Fallada: "Das Groteske geschieht: der Elefant fühlt sich von der Maus bedroht." Falladas Roman geht auf die wahre Geschichte des Berliner Arbeiterehepaars Otto und Elise Hampel zurück, die 1943 von den Nazis hingerichtet wurden und deren Karten bis heute überliefert sind. 1945 soll der Schriftsteller anhand der Prozessakten darüber schreiben. Fallada zögert, er selbst war nicht im Widerstand und will jetzt nicht besser erscheinen, als er gewesen ist. Dann aber verfasst er manisch die 899 Manuskriptseiten in kaum vier Wochen; drei Monate später stirbt er an Herzversagen. Die kraftvoll gezeichneten Figuren versuchen in einer Gesellschaft zu überleben, in der Argwohn und Angst jedwede soziale Beziehung bestimmen. Viele als Mitläufer*innen oder Täter*innen. Einige beweisen, dass man sogar in diesem System seine Freiheiten behaupten und seinem Gewissen folgen kann. Für uns Nachgeborene stellt sich die Frage: Wie weit reicht der eigene Mut, sich gegen Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit zu stellen? Wann genügt es nicht mehr, im privaten Umfeld „anständig“ zu bleiben, wann ist Zeit für tätigen Widerstand?

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Aufführungen / Termine

Pressestimmen

Den bewegenden Tönen des Widerstands und der Angst setzt Shirin Khodadadian in ihrer oft provokant grellen Regie die fünf Schergen und Karrieristen des Regimes entgegen. Sie vermeidet jeden Nazi-Realismus, nimmt den „autoritären Charakteren“ (Theodor Adorno) das „Deutsche“, das Streotyp. Hans Fallada wird zur Parabel auf Macht und Widerstand.

Wolfram Frommlet, Schwäbische Zeitung, 5.10.2020

Quangels Sohn ist gefallen, der Vater sprachlos, die Mutter muss es erst begreifen. Sebastian Haase und Katrin Huke machen ihre Erschütterung greifbar. Wie umgehen mit dem Schmerz?
…Einige Szenen sind von quälender Drastik.

Helmut Voith, Schwäbische Zeitung, 30.9.2020

Stark das Ensemble, und stark auch die grosse Frage, die der Abend stellt: Wie würdest du dich verhalten?

Julia Nehmiz, St.Galler Tagblatt, 29.9.2020

Die leicht statische Haltung ist wohl unausweichlich, aber überraschenderweise tut das dem Stoff sogar recht gut. Ist sie doch Garant für eine ruhige, konzentrierte Handlungsführung, die jedem Wort, das gesprochen wird, Bedeutung verleiht.
Der Innenraum ist nun in der Anschauung eins, als wäre ein Entrinnen weder vom Dargestellten noch von der Realität möglich… (Bühne: Carolin Mittler).
Ihre Konstanzer Premiere gaben (…) Burkhard Wolf als selbstsüchtiger Nichtsnutz Enno Kluge, der zum Bauernopfer wird, sowie Pauline Werner und Miguel Jachmann, die in Konstanz ihr erstes Engagement angetreten und sich auch gut eingeführt haben.
…Ein Perspektivwechsel, der nicht extra thematisiert und dessen Aussage dadurch in die Nähe objektiver Tatbestände gerückt wird. Beeindruckend etwa, wie Anna Quangel die Todesnachricht ihres Sohnes erhält, ihr Mann Otto (Sebastian Haase) leise von dem Schrei berichtet, den seine Frau ausstösst, wobei Kathrin Huke als Anna ganz still bleibt und man nur das Geräusch hört, wie sie den Brief zerreisst, der ihr Leben grundsätzlich verändert.
Geradezu munter wirkt Miguel Jachmann als Denunziant Barkhausen – als der Typ Mensch, der dank schneller Auffassungsgabe und fehlender Skrupel immer überleben wird.
… wohingegen der chorische Gesang, summend oder murmelnd vorgetragen, als Widerhall innerer Emotionen manche Szenen tröstend einhüllt und Wahrhaftigkeit sowie Menschlichkeit suggeriert (Musikalische Leitung: Johannes Mittl). Bleibt noch, neben der schönen Ensembleleistung, Sebastian Haase als Otto Quangel herauszustellen. Wie er mit grosser Ruhe und kleinsten Gesten die Gefühlswelt dieses zurückgezogenen Menschen sichtbar macht, ist erfüllende Bühnenkunst.

Brigitte Elsner-Heller, thurgaukultur 29.9.2020

Das macht Lust auf mehr: Regisseurin Shirin Khodadadian bringt Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“ auf die Bühne. Ein eindrucksvoller Abend über Widerstand gegen autoritäre Systeme.
Es ist eine ernüchternde Wahrheit, die Khodadadian da in so wunderbarer Klarheit wie beklemmender Ironie nach und nach entfaltet. Sie verstört, weil sie politische Widerständigkeit in Zweifel zieht, statt sie im üblichen Brustton der Überzeugung einzufordern. Und sie beglückt, weil sie ein neues Licht auf altbekannte Fragen wirft.
Das Gelingen hängt an differenzierter Figurenzeichnung. Katrin Huke bringt in Anna Quangel den inneren Widerstreit der Gefühle zur Geltung, von Wut und Vernunft, von Todesangst und Lebensmut. Und Ingo Biermann gefällt als brachialer Rambo-Kommissar, der sich nach Festnahme des wahren Täters schlagartig der Sinnlosigkeit seines Tuns bewusst wird. Überragend aber ist Sebastian Haase als Otto Quangel: ein Durchschnittstyp statt Superheld, angetrieben allein von unverbrüchlicher Prinzipientreue.

Johannes Bruggaier, Südkurier, 28.9.2020

Karin Becker und ihr Team beginnen die neue Intendanz am Theater Konstanz mit einem politischen Ausrufezeichen: mit Hans Falladas großem Widerstandspanorama "Jeder stirbt für sich allein".
Bühnenbildnerin Carolin Mittler spiegelt den Zuschauerraum auf der Bühne wider… Ein überdeutliches Bild: diese Geschichte könnte uns allen passieren, wir alle könnten selber auf der Bühne sitzen, ja, eigentlich sitzen wir auf ihr.
Schirin Khodadadian braucht nur vier Schauspieler und drei Schauspielerinnen, um das Panorama von Angst, Widerstand und Mitläufertum mit 14 Figuren zu erzählen. Die Figuren wechseln unmittelbar von Dialog zu Erzählpassagen, mit denen sie das Publikum direkt ansprechen. So wird die Handlung vorangetrieben, die Figuren erscheinen vielschichtiger, und es entsteht episches Erzähltheater: Indem sie von sich in der dritten Figur berichten, schaut man ihnen beim Beobachten und Reflektieren zu.
Ingo Biermann spielt einen aalglatten, selbstsüchtigen Ehrgeizling, der an nichts und niemanden glaubt. Seine Wandlung zum Geläuterten wird ausgelöst durch die brutale Demütigung des SS-Obergruppenführers (mit kalter Schärfe: Jana Alexia Rödiger)…Auch bei Otto und Anna Quangel gelingt Khodadadian eine genaue Figurenzeichnung… Sebastian Haase und Katrin Huke spielen das mit großer Klarheit, loten zarte, bittere Untertöne aus.

Julia Nehmiz, Nachtkritik, 27.9.2020

Bildergalerie

Theater Konstanz
Foto: Ilja Mess
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