Autor*in Fayer Koch im Gespräch mit Dramaturgin Romana Lautner – über Teilhabe, den Entstehungsprozess des Stückes "zehner" und die damit verbundenen größten Überraschungen
Romana Lautner: Bist Du schon einmal vom Zehner gesprungen?
Fayer Koch: Nein, das würde ich nie machen – das wäre mir viel zu unheimlich.
In Deinem Stück gibt es das schöne Zitat: „Sind alles keine Zehnermenschen“. Was sind das denn, Zehnermenschen?
An dieser Stelle spricht eine Gruppe von Freund*innen über die Mitschüler*innen. Die sind „keine Zehnermenschen“, weil sie nicht Teil der Freund*innengruppe sind. Ein Zehnermensch ist also vor allem jemand, der oder die dazugehört.
Bist Du ein Zehnermensch?
Manchmal verbringe ich Zeit mit meinen Freund*innen und hab dabei das Gefühl, wir könnten gerade alles schaffen. Oder: Egal was wir machen, es würde sich gut anfühlen. In diesen Momenten sind wir Zehnermenschen.
Wofür steht der titelgebende Zehn-Meter-Sprungturm im Stück Deiner Meinung nach (exemplarisch)?
Einerseits für eine Mutprobe, eine Schwelle zum Erwachsenwerden. Andrerseits für ein Stück öffentlicher Infrastruktur, das durch Sparpolitik gefährdet ist.
Wie ist es zum Thema und Plot des Stückes gekommen?
Ich habe am Beginn der Zusammenarbeit mit den Jugendlichen verschiedene Ausgangsideen mitgebracht. Gemeinsam haben wir uns dann für die Themen Aktivismus und Teilhabe entschieden. Im Anschluss war ich mit der Frage beschäftigt, um welches politische Anliegen sich der Aktivismus im Stück drehen soll. Ich habe mich letztlich bewusst für „Haushaltskürzungen“ entschieden, weil ich den inneren Widerspruch dieses Themas interessant fürs Schreiben fand: Kommunale Finanzpolitik hat – ganz alltagspraktisch gesprochen – riesige Auswirkungen auf uns alle. Und trotzdem ist es ein Bereich von Politik, der furchtbar unsexy ist. Um sich gegen Sparpolitik einzusetzen braucht es also (vielleicht noch mehr als bei anderen Themen) Durchhaltevermögen und Entschlossenheit. Den ersten Entwurf des Plots habe ich dann mit den Jugendlichen besprochen und mit ihrem Feedback weiterentwickelt.
Wie sehr hat Dich die Begegnung mit dem Konstanzer Jugendlichen beeinflusst/verändert?
Ohne den Input der Jugendlichen wäre ein komplett anderes Stück herausgekommen. Sie haben von Anfang an mitgedacht und den Prozess kritisch begleitet. Es fühlt sich wirklich an, als wären wir ein gutes Stück des Weges kollektiv gegangen. Das war für mich im Schreiben eine ganz neue und aufregende Erfahrung.
Was hat Dich in der Zusammenarbeit am meisten überrascht?
Dass die Jugendlichen weniger Anglizismen gebrauchen als gedacht. Und dass sie Gewalt als Protestform fast einhellig ablehnen.
Dass Dir Teilhabe wichtig ist, wusste ich, das war mit ein Grund, warum wir Dich gefragt haben, dieses Projekt mit uns zu wagen. Aber magst Du noch einmal formulieren, warum Teilhabe wichtig ist?
Ich glaube, dass Theater besonders dann gut funktioniert, wenn die Zuschauer*innen sich in den Figuren auf der Bühne und ihren Fragen und Problemen wiederfinden können. Im Theater für junges Publikum ist das nicht immer selbstverständlich – schließlich schreiben und inszenieren hier meistens Erwachsene. Deren eigene Jugend ist oft ewig her, und entsprechend beherrschen Klischees und Zuschreibungen viele ihrer Vorstellungen vom Jugendlich-Sein. Teilhabe am Prozess der Stückentwicklungen führt also – glaube ich – zu Stücken, die zugänglicher sind, weniger Klischeebeladen und im besten Falle „echter“.
Du warst sehr offen und kritikfähig in diesem besonderen Entstehungs-Prozess. Ein Feedback der Jugendlichen war, wie beeindruckt sie das hat, dass Du wirklich zugehört und alles ernst genommen hast. Woher nimmst Du als Autorenperson diese Gelassenheit?
Danke für das Lob! Vielleicht kommt meine Offenheit daher, dass ich davon überzeugt bin, dass die Jugendlichen (und nicht ich selbst) Expert*innen beim Thema Jugendlich-Sein sind. Ich wollte von jugendlichen Lebenswelten erzählen, da war es für mich nur naheliegend, ihre Kritik und ihre Ideen ernst zu nehmen.
Ein Schreibprozess ist immer ja auch ein intimer, sehr persönlicher Vorgang. Wie war das für Dich, den so zu öffnen?
Das stimmt. Es ist verletzlich, unfertige Fassungen herzuzeigen und sich Kritik anzuhören. Gleichzeitig habe ich ja nicht immer selbst die allerbesten Ideen. Ich finde es toll und bin dankbar, wenn andere Leute mitdenken. Im Theater ist die fertige Inszenierung immer Ergebnis eines kollektiven Prozesses. Das ist eines der schönsten Dinge an dieser Kunstform, finde ich.
Wie kann man sich eure Zusammenarbeit konkret vorstellen?
Wir haben uns über fast ein Jahr hinweg bei Workshops in Konstanz getroffen. Beim ersten Mal haben wir uns nur kennengelernt und zu Themen des Stücks gebrainstormt. Dann habe ich mit dem Schreiben losgelegt und immer wieder neue Fassungen mitgebracht. Wir haben den Text jedes Mal gemeinsam laut gelesen und dann ganz viel gemeinsam diskutiert – über Details und einzelne Wörter genauso wie über die große Frage, wie man eigentlich die Welt verändern kann.
Hast Du beim Schreiben die Jugendlichen vor Augen/ im Ohr gehabt?
Ja, ständig! Und ich habe mich immer schon darauf gefreut, den Jugendlichen die neue Fassung zu zeigen. Schreiben ist oft so einsam, ich finde es toll schon währenddessen zu wissen, wann ich den Text wem zeigen kann (oder muss).
Hast Du einen Lieblingssatz im Stück?
Wir warten nicht auf was Bestimmtes
Wir warten eher allgemein
Welcher Punkt im Stück ist Dir besonders wichtig?
Im Stück geht es unter anderem um die Frage, wie weit legitimer Protest gehen darf. Ich bin davon überzeugt, dass es nichts bringt, Protestierende in „gut“ und „schlecht“ zu unterteilen. Menschen wählen unterschiedliche Form des Aktivismus, aber wenn es um die offene Gesellschaft geht, haben alle Formen ihre Berechtigung. Ich will mich von niemandem distanzieren müssen, der oder die für eine solidarische und gleichberechtigte Welt kämpft, nur weil ich selber andere Mittel des Protestes wählen würde.